Entwicklungstrauma - wie alles begann


Kaum ist uns unser Baby- und Kleinkindalter bewusst und doch haben unsere ersten Lebensjahre so einen gewaltigen Einfluss auf unser gesamtes weiteres Leben. Das Entwicklungstrauma entsteht, wenn wir die Menschen, die wir lieben, von denen wir erwarten, dass sie uns Sicherheit, Geborgenheit, Annahme und Wertschätzung entgegenbringen, als Gefahr  (toxische Beziehung) wahrnehmen bzw. wenn die Bezugspersonen nicht da sind (wegen Depression, eigenes Trauma, Sorgen) oder es einen Bruch in der Beziehung gibt (Brutkasten, Mutter oder Kind muss ins Krankenhaus).

 

Wir sind dann gezwungen, innere Bewegungen wie z.B. Liebe schenken, Wut haben, Bedürfnisse auszudrücken usw. nicht mehr auszudrücken bzw. abzuspalten. Das machen wir, in dem wir entweder den Anderen  in der Beziehung ausblenden - alles dreht sich nur um mich-,  oder ich blende mich aus -ich bin in der Beziehung nicht mehr vorhanden-. Es gibt kein miteinander mehr. Das ist aber eigentlich das, was wir so dringend brauchen. Das Schwierige daran ist, dass wir es meist gar nicht merken, denn wir sind so groß geworden. Für uns ist das alles so; es gibt keine andere Erfahrung, die uns zeigen könnte, dass es eben nicht „normal“ ist, wenn man z.B. keine Zuwendung von den Eltern bekommt. In der Regel sucht in diesem Fall das Kind die Schuld bei sich: “Ich muss schlimm sein, wenn meine Mutter /mein Vater so mit mir ist“. Schuld und Scham entsteht.

 

Als Kind kommt man nicht auf den Gedanken, dass sich Eltern unangemessen verhalten, denn das würde die für das Kind lebenswichtige Beziehung gefährden. Es denkt, es liegt an mir. Ich bin komisch, schlecht und muss mich besser verhalten.

 

Es tut alles, um die Beziehung zu retten und passt sich an. Hilft das alles nicht, trennt es sich innerlich von den Eltern. Das Kind  geht in die Autonomie; braucht sie nicht mehr. Beide Richtungen- Alles für die Beziehung zu opfern oder sich in die Unabhängigkeit zu begeben-, sind dann Pseudoverbindungen. Echte Verbindung gibt es aber nur, wenn die Beziehung in beide Richtungen ausschlagen darf, wenn Nähe und Autonomie sich abwechseln können und Beides in der Beziehung da sein darf.

 

Wir  brauchen  Verbindung, dass ist evolutionär in uns angelegt, wir sind Bindungswesen und wenn wir diese nicht bekommen, können wir und unser Nervensystem sich nicht gesund entwickeln. Daraus können Symptome wie z.B: Depression, Ängste,  Zwänge, Krankheiten usw. entstehen.

Um Entwicklungstrauma zu heilen, bedarf es sich wieder zu trauen in eine echte Verbindung zu gehen. Das gelingt, wenn wir anfangen die Bewegungen, die wir als Kinder abgespalten haben, wieder rein zu holen und in den Kontakt zu bringen. Das ist nicht so leicht, wie es sich anhört, denn wir tun alles, um nicht wieder verletzt zu werden. Und wenn wir jetzt z.B. sagen würden: „Du fehlst mir“, dann wären wir verletzbar, wie damals.

Wie kann es denn nun besser werden? Wie bringen wir die Bewegungen wieder ins Leben, die wir abspalten mussten, weil sie die Beziehung  zu unseren Eltern gefährdet hätten?

 

Wenn wir alles für die Beziehung tun und uns selber dabei vergessen haben, gilt es, dass in Verbindung zu bringen und uns zu trauen, mehr in die Autonomie zu gehen. Wie z.B. sagen, was man möchte oder nicht möchte. Das fällt Menschen, die ein Verschmelzungstyp sind, sehr  schwer. Sie wissen meist überhaupt nicht, was Ihre Bedürfnisse sind, weil sie nur darauf achten, was das Außen von Ihnen möchte. Wichtig wäre hier zu lernen, dies in die Beziehung zu bringen, trotz großer Angst vor Beziehungsabbruch.

 

Du darfst da sein im Kontakt mit einem anderen Menschen!

 

Diese Erfahrung bringt Heilung.

Für den Autonomietyp ist es heilsam, sich wieder mehr auf den anderen zu beziehen und sich nicht nur um sich zu drehen. Hier wäre es wichtig, z.B. dem Partner auch mit zu teilen, wenn man mehr Abstand braucht, oder gerade Angst bekommt, wenn man sich nahe ist. Das schafft Beziehung und das nährt uns. Und dabei muss das gesagte nicht alles aus Honig sein. Wenn ich z.B. sage:“ ich bin gerade wütend“, ist das eine Mitteilung, die den anderen nicht angreift  und doch kann ich mich ausdrücken. Endlich darf ich da sein und muss keine Angst vor Beziehungsabbruch haben. Und wenn es doch geschieht…..heute bin ich erwachsen. Und kann erkennen, dass der andere auch einfach nicht in seiner Mitte ist. Sich unangemessen auf meinen Ausdruck verhält. Ich kann Dinge klären und werde nicht sterben, wenn jemand mich wegen meiner Authentizität verlässt. Denn wenn das so ist, war ich mit diesem Menschen ja überhaupt noch gar nicht in einer Beziehung.

 

Es geht darum, dass du wieder mit dir in den Kontakt kommst: Welche Bedürfnisse hast du, was fühlst du…..Was bzw. welche Gefühle  traust du dich auch gar nicht mehr wahr zu nehmen?

Da kann der Therapeut helfen, indem er dir spiegelt, was er fühlt, wenn du lächelnd eine Geschichte von dir erzählst und er sagt, dass er das traurig findet.

Und es geht darum wieder mit den anderen in Verbindung und Kontakt zu kommen. Das ist das , was wir wollen.Das ist das, was uns schlussendlich sicherer (Polyvagaltheorie), glücklicher, zufriedener und freier werden lässt.

 

Bei dem Wort Trauma denkt man zunächst an eine lebensbedrohliche Situation, der das Opfer hilflos ausgeliefert ist. z.B. bei einem Autounfall, einem Überfall.Das nennt man Schocktrauma.

Doch auch frühe Kindheitserfahrungen können traumatisch wirken und bis ins Erwachsenenleben belastend sein.

Traumatisierungen haben da aber nicht unbedingt etwas mit Grausamkeiten zu tun. Auch ganz alltägliche Ereignisse können traumatisch sein und das weitere Leben und Handeln beeinflussen. Oft hat es seinen Ursprung schon in der Kindheit. Es tritt häufig bei Menschen auf, die als Kinder vernachlässigt wurden, viel alleine waren, eine depressive oder mit der Kindererziehung überforderte Mutter hatten. 

Traumatisierungen verändern uns. Sie verändern unser Weltbild, sie verändern unsere Wahrnehmung von anderen Menschen.

 

 

Folgen von Traumatisierungen

 

 Starke Traumatisierungen machen das Leben zu einem Kriegsgebiet und andere Menschen zu potentiellen Feinden. Sie machen das Leben „gefühlt“ gefährlich.

Dadurch neigen wir dazu, uns eher zurückzuziehen und uns nicht mehr als Teil der Menschheit zu begreifen.

Sicherheit wird unser Gott.

Ich hier und dort ihr – wir gegen euch.

Die Neugier weicht dem Bedürfnis, keine Überraschungen erleben zu wollen.

Das Bedürfnis nach echter und tiefer Verbundenheit weicht dem Bedürfnis nach Sicherheit.

 

 

Auswirkungen auf Beziehungen

 

All dies verändert unser Verhalten in Beziehungen, wie wir in sie hineingehen und wie wir uns dort verhalten. Es verändert, wie wir mit fremden Menschen umgehen – wir neigen zu „Abschottung“ statt zu Neugier und Integration. Das Fremde wird zum potentiell Gefährlichen.

Dies ist nicht nur auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ein großes Thema, es ist auch ein Thema im Kleinen, in unseren Familien, in unseren Partnerschaften, in unserem Bekanntenkreis.

  • Darf sich jemand verändern oder macht Veränderung Angst?
  • Bin ich eher neugierig, wenn mein Partner sich zu verändern beginnt, und möchte teilhaben oder sehe ich die Veränderung als Bedrohung unserer Beziehung?
  • Bleibe ich in einer Beziehung, weil sie Sicherheit bietet oder weil ich sie als lebendig und voller Liebe empfinden? 

 

Wir lernen, wie Liebe geht, noch bevor wir laufen können!

 

Wir lernen Beziehung in einem Alter, in dem wir noch nicht einmal sprechen können. Wir lernen von unseren Eltern, wie wertvoll wir sind, wie man kommuniziert, wie viel Körperkontakt „normal“ ist.
Wir lernen, wie Liebe geht, bevor wir laufen können.
Werden wir schon so früh in unserem Bindungsverhalten verletzt, sprechen wir von einem Entwicklungstrauma.

Verrat ist ein Kern von Bindungsverletzungen. Ein Mensch, dem wir vertrauten, den wir liebten, tut uns etwas an. Das kann sein, uns alleine zu lassen, uns wenig zu berühren oder immer ungeduldig mit uns zu sein bis hin zu Demütigungen, Gewalt und sexuellen Übergriffen.

 

 

Übertragung in die Partnerschaft

 

All diese Verletzungen werden unbewusst wieder wach, wenn wir eine Partnerschaft eingehen. Dort erleben wir plötzlich Verhaltensweisen an uns selbst, die wir nie haben wollten. Vielleicht können wir uns gar dabei zuschauen, wie wir eine Beziehung langsam, aber sicher durch unser Verhalten zermürben. Manchmal erkennen wir auch die Verhaltensweisen unserer Eltern im Partner wieder. Wir fühlen uns respektlos behandelt und spüren keine Verbindung. Trotzdem können wir uns nicht trennen!

 

Verbindungen jeder Art sind für mich das Herzstück des Lebens.
Sie machen unser Leben lebenswert und uns glücklich.
Trauma ist die Antithese zu Verbindung.
Deswegen ist es so wichtig auch darüber zu sprechen, was in Beziehungen passiert und wie wir anders damit umgehen können.